TeX im Jahr 2013

Dreimal Blitzlicht auf die TeX-Szene am Ende des Jahres 2013:

Auf der Mac-OS-X-Liste diskutiert man heute über TeX auf dem iPad. Es gebe da eine App, die sich aber noch in Entwicklung befinde, heißt es aus berufenem Munde. Sie funktioniere mit einer externen Tastatur, wenn es auch keine Shortcuts gebe, uns im übrigen gelte: Well, it needed some memory increase to get the german lshort compiled, but the author answers questions and will make reasonable modifications on request. Nun kann man sich fragen, was jemand dazu bringe, mit dem iPad zu teXen, denn das ist – ohne Tastatur! – eine Hardware, die gerade nicht zum Schreiben, nicht zum Arbeiten, nicht zum Erstellen von Inhalten, also nicht für den kreativen Einsatz bei Texten, sondern zum bloßen Konsumieren der App Stores konzipiert worden ist. Das ist auch der Grund, weshalb ich mit Tablets nichts anfangen kann. Aber man sieht immerhin, daß TeX hier – ebenso wie im Bereich des E-Publishing – hinter der übrigen Entwicklung ganz offenbar hinterherhinkt, denn der Bedarf bei den Benutzern ist durchaus vorhanden, aber die Programme sind nicht da. Daran hat sich seit 2011 nichts geändert. Und auch wenn Tablets nur etwa zehn Prozent der Benutzer betrifft: TeX ist auf den mobilen Plattformen so gut wie abwesend, sonst gäbe es solche Diskussionen nicht.

Die (englische) zweite Auflage des LaTeX-Begleiters ist vor kurzem als E-Book erschienen. Clemens Niederberger hat eine gehaltvolle Rezension dazu geschrieben. Wenn man bedenkt, daß schon einige gestandene LaTeX-Benutzer aufgegeben haben bei dem Versuch, ihre Quellen mit vertretbarem Aufwand nach EPUB zu konvertieren, muß es eine Aufgabe von geradezu herkulischem Ausmaß gewesen sein, das bei den komplexen Quellen des LaTeX-Begleiters zu bewerkstelligen, denn Pearson (man erinnert sich: der Verlag, der zu Anfang des Jahres aus dem IT-Bereich weitestgehend ausgestiegen war) bietet das Buch als Bundle in den DRM-freien Formaten PDF und EPUB sowie als MOBI gleichzeitig an. Bis zum Januar 2014 beträgt der Preis mit dem Code LATEXT2013 US$ 14,99, danach US$ 29,99. Das Ergebnis kann sich absolut sehen lassen, es ist für mich persönlich aber nur ein nice to have neben dem schön gesetzten Buch-Buch zum Nachschlagen beim Arbeiten. Diese Neuausgabe war ganz sicherlich das literarische Ereignis zum Abschluß des TeX-Jahrs 2013, aber außerhalb der Blogs, der Webforen und der gerade in der Auslieferung befindlichen TeXnischen Komödie fand es keinerlei Resonanz in den Medien, auch nicht in dem Teil der Presse, der sich bisher immer mal wieder für TeX erwärmen konnte.

„Die TeX-Entwicklung ist schneller geworden“, schrieb mir ein Kollege, als ich ihn auf das besagte E-Book hinwies. Und in den Kommentaren zur Besprechung des LC2 als E-Book hieß es: „Es wäre aber noch besser gewesen, wenn man diese Einrichtung mit einer Überarbeitung verbunden hätte. Es ist m.E. nämlich nicht so, dass sich in den letzten Jahren, da nichts verändert hat. In meiner deutschen Ausgabe ‚Der LaTeX Begleiter‘ wird beispielsweise bibtex breit dargestellt. Es ist ja nun durch biblatex weitgehend obsolet geworden.“ Ist das wirklich so? Ich gebe es zu: Ich habe immer mal wieder damit gespielt, aber ich habe letztlich keine der neueren Entwicklungen aus den letzten sechs, sieben Jahren in meinen persönlichen Workflow übernommen. Weder XeTeX noch LuaTeX haben Fragen beantwortet, die ich gestellt hatte. Ich brauche sie nicht. Latin1 reicht mir als Kodierung für meine Texte weiterhin völlig aus. Und ich bin auch BibTeX treu geblieben, wenn ich es denn mal brauche. Geht es nur mir so? Auch an anderen Stellen sehe ich eine gewisse Zielerreichung. Markus Kohm etwa schrieb im Juli in seinem Blog, es gebe nun schon seit über einem Jahr keine neue Version mehr von KOMA-Script, weil er selbst dafür keinen Bedarf mehr habe. (La)TeX hat einen gewissen Stand der Entwicklung erreicht, und auch seine Benutzer haben ihren Weg gefunden, damit zu arbeiten. Man richtet sich ein, und es ist gut so. Es funktioniert ja auch praktisch alles. Ist der LaTeX-Begleiter also „veraltet“? Alles, was er enthält, ist weiterhin auch für diejenigen, die XeTeX oder LuaTeX benutzen, relevant. Und BibTeX ist ein stabiles Werkzeug, wenn auch die weitere Entwicklung von BiblaTeX (idealerweise mit Biber zu verwenden) nach einer Zeit der Ungewißheit seit 2012 gesichert scheint. Von dem ursprünglichen Entwickler des Pakets Philipp Lehman fehlt leider offenbar weiter jede Spur.

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5 Antworten zu TeX im Jahr 2013

  1. TimoW schreibt:

    „Nun kann man sich fragen, was jemand dazu bringe, mit dem iPad zu teXen, denn das ist – ohne Tastatur! – eine Hardware, die gerade nicht zum Schreiben, nicht zum Arbeiten, nicht zum Erstellen von Inhalten, also nicht für den kreativen Einsatz bei Texten, sondern zum bloßen Konsumieren der App Stores konzipiert worden ist“

    Das ist – mit Verlaub – eine sehr eingeschränkte Perspektive. Immerhin gibt es externe Tastaturen und auch genug Leute, die mit der Bildschirmtastatur recht produktiv sind. Damit mag man keine Bücher setzen, aber es reicht doch für allerhand. Alleine um einfache Auszeichnungssprache wie Markdown hat sich ein regelrechter Boom auf mobilen Plattform entwickelt.

  2. Christoph Bier schreibt:

    Hallo, Jürgen,

    für Android gibt es seit einiger Zeit TeXPortal (http://lameandroidhero.github.io/texportal/), was ziemlich gut funktioniert. Als Editor verwende ich Jota+ (https://play.google.com/store/apps/details?id=jp.sblo.pandora.jota.plus). Ich habe beides auf meinem Smartphone und auf meinem Tablet installiert. So kann ich auch unterwegs Änderungen an Dokumenten vornehmen, ohne gleich mein Laptop immer dabei haben zu müssen. Es kommt durchaus vor, dass ich auf dem Weg zu einem Vortrag beim Vorbereiten einen Fehler in meiner Präsentation finde. Ich bin froh, dass ich in solchen Fällen immer in der Lage bin den Fehler noch zu beheben. Denn mein Smartphone habe ich immer dabei. Auf Reisen habe ich inzwischen auch mein Tablet immer dabei, ein Sony Xperia Tablet Z (XTZ). Und ich wäre froh, wenn ich nicht immer auch mein Laptop mitnehmen müsste. Die virtuelle Tastatur des XTZ funktioniert überraschend gut! Sie hat ziemlich genau die gleiche Größe wie die meines ThinkPad X200s, das eine Tastatur in Standard-Größe enthält. Den Rest erledigt die Autokorrektur. Trotz fehlendem haptischem Feedback kann ich auf meinem Tablet sehr gut blind Texte schreiben. Viel besser als ich zuvor gedachte hatte. Natürlich ist das Schreiben auf einem Tablet nicht so ergonomisch und komfortabel wie auf einer richtigen Tastatur; auch weil die Blickrichtung nicht optimal ist. Für Fehlerkorrekturen reicht es allemal, aber auch längere Texte sind sehr gut möglich. Darüber hinaus kann man natürlich auch Bluetooth-Tastaturen mit einem Tablet koppeln. Tatsächlich hatte ich mir vor dem Kauf meines Tablets auch eine solche schon ausgesucht. Kaufen musste ich sie dann aber doch nicht, weil das Tippen auf der virtuellen Tastatur wirklich funktioniert.

    Von daher begrüße ich es sehr, dass auch die mobilen Plattformen eine TeX-Distribution erhalten. Jota+ kommt natürlich nicht an Emacs/AUCTeX ran. Aber im Moment bin ich mit dieser Lösung sehr zufrieden!

    Schöne Grüße
    Christoph

  3. jfenn schreibt:

    Danke sehr für Eure Anmerkungen. Sehr interessant zu sehen, daß Ihr damit arbeitet und – in dem beschriebenen Umfang – wohl auch damit zufrieden seid. Was ich sagen wollte: Es ist am Ende doch nur eine Notlösung. Ich warte gerne ab, wie sich die Anwendungen – und auch die Tablets – entwickeln, bin aber skeptisch. Erst vor zwei Wochen hatte ich wieder mit ansehen müssen, wie ein Freund mit seinem iPad bei der WikiCon am Karlsruher KIT nicht ins WLAN kam. Von daher ist das keine vollwertige Lösung für mich, und mehr wollte ich nicht sagen.

    Es zeichnet sich übrigens ab, daß es bald eine Liste für TeX unter iOS geben könnte. Vielleicht ergibt sich ja auch etwas ähnliches für Android, und vielleicht entsteht daraus auch ein gewisser Entwicklungsschub bzw. ein Raum, in dem Benutzer ihre Probleme und Wünsche äußern und austauschen können.

    Ergänzen könnte man aber noch ein viertes Blitzlicht: 2013 war auch das Jahr, in dem das TeX-Usenet starb. Die de.comp.text.tex ist zwar immer noch auf Platz 75 der deutschsprachigen Newsgroups, der Traffic ist aber wirklich sehr viel weniger geworden als früher, wo man sich in den besten Zeiten durchaus mehrmals am Tag einblenden mußte, um die Diskussionen zu verfolgen. Ich glaube, bei comp.text.tex ist es noch deutlicher als hierzulande. Der TeX StackExchange und vielleicht auch das neue deutschsprachige Forum bei TeXWelt haben doch einiges übernommen.

    Übrigens ist die TeXnische Komödie 4/2013 heute bei mir angekommen. Der Beitrag von Clemens Niederberger zur E-Book-Ausgabe des LC2 darin ab Seite 46. Und ab Seite 29 schreibt Axel Kielhorn über „LaTeX auf Mobilgeräten“.

  4. Pingback: KOMA-Script und CTAN | TeX & Friends

  5. Simo schreibt:

    Zu biblatex: Ich denke, die Situation ist sehr einfach. Für alle, die bereits mit BibTeX brauchbare Ergebnisse erhielten, gibt es wenig Anreiz, auf biblatex zu wechseln. Warum auch? If it ain’t broken, don’t fix it.

    Aber letztlich deckt BibTeX nur ein relativ kleines Spektrum ab, im Wesentlichen englischsprachige Naturwissenschaften. Für alle anderen dagegen – und das dürften gerade im Bereich der nicht-englischsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften nicht wenige sein –, ist biblatex ein Segen. Für mich persönlich war das Paket einer der wesentlichen Gründe, meine Diss (in Filmwissenschaft) mit LaTeX zu schreiben. Keine andere Software-Lösung (sei es LaTeX oder WYSIYWG-Software) konnte auch nur ansatzweise, was ich brauche. Schon alleine die Tatsache, dass biblatex einen Sammelband mit einem Buchautor (und nicht einem Herausgeber) korrekt wiedergeben kann, war damals ein Killerfeature; vom Handling von mehreren Bibliographien (z.B. Primär- und Sekundärquellen sowie Bibliographien) ganz zu schweigen. Mittlerweile sind nicht zuletzt dank Biber so viele komplexe Funktionen dazu gekommen (unterschiedliche Sortiermuster, automatisches Zusammenziehen von unterschiedlichen Schreibweisen des gleichen Autors, automatisches Indexieren, Handling von wiederholten Zitaten etc. etc.) – da kommt keine andere Software mit.

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