Von LaTeX nach EPUB III

„Seit vielen Jahren schreibe ich die meisten meiner Bücher mit LaTeX. Zwar ist die Layout-Bastelei oft mühsam, ansonsten ist LaTeX für meine Anforderungen aber perfekt geeignet – egal, ob das Buch 100 oder 1000 Seiten umfasst. Erst seit ich versucht habe, aus meinen LaTeX-Quelltexten eBooks in den Formaten ePub oder AZW (Amazon) zu erzeugen, zweifle ich an der Zukunft von LaTeX.“

Das schrieb nicht irgendwer, sondern Michael Kofler im März 2012, der in die Sackgasse LaTeX geraten war. Und er fährt fort: „Der Weg von LaTeX in ein modernes eBook-Format ist steinig und mit soviel manuellem Aufwand verbunden, dass er sich selten lohnt.“

Auch wenn es also geht, wenn man einen fähigen Konverter für die Strecke LaTeX→EPUB gefunden hat, stimmt immer noch nicht alles, händisches Nachbearbeiten ist angesagt, und dabei bleibt LaTeX am Ende ganz schlicht aus finanziellen Gründen auf der Strecke: „Rechenaufgabe: Die Umwandlung eines LaTeX-Manuskripts in ein Kindle-eBook beansprucht bei einer Textmenge von ca. 150 Seiten ca. zwei Tage. Pro verkauftem Exemplar erhalten Sie z. B. 5 EUR. Wieviel Stück müssen Sie verkaufen, damit Sie einen angemessenen Stundenlohn für die eBook-Umwandlung erzielen? In den meisten Fällen weit mehr, als zu erwarten ist…“

Damit stellt sich die Frage erneut, über die ich zuletzt Anfang 2011 geschrieben hatte: Der Einsatz von LaTeX als Ausgangsformat scheitert vielfach daran, daß es Probleme bei der Weiterverarbeitung der Quelldatei gibt. Mal fehlen Konverter, mal hakt es bei deren Güte.

Das Problem, das am Anfang des „LaTeX Web Companion“ stand, stellt sich heute erneut und anders. Ging es damals darum, „Autoren, vor allem Wissenschaftlern, die nicht in der Welt von Microsoft Word oder QuarkXpress leben,“ den Weg ins Web zu ebnen, so geht es heute darum, ihnen das Publizieren für Print und E-Book aus derselben Quelle zu ermöglichen. Der Übergang im Printbereich von PostScript zu PDF war durch die Entwicklung von dvipdfm(x) und PDFLaTeX gelöst worden. Danach kamen HTML und XML als neue Zielformate hinzu, was sich aus verschiedenen Gründen schon schwieriger gestaltete. Aber der Weg von LaTeX ins E-Book-Zeitalter stellt sich nun ganz offenbar als noch schwieriger dar. Vor allem wohl, weil es an Entwicklern fehlt, die Interesse daran haben, einen entsprechenden leistungsfähigen Konverter zu schreiben.

LaTeX ist schon längst ein Opfer seiner Mächtigkeit und seiner Flexibilität geworden. Die vielen Ergänzungen, auf die Autoren zurückgreifen oder die sie leicht selbst schreiben können, verhindern meist eine leichte Konvertierung in ein anderes Format mit den gängigen Konvertern. Andererseits ist es bekannt, daß Doc-Management für das parallele Publizieren in LaTeX und anderen Formaten etwas Vorbereitung und Planung verlangt. Wer von vornherein bereits bei der Texteingabe auf Erweiterungen verzichtet, wer minimales Markup verwendet und einen gangbaren Workflow einhält, kann zumindest eine reine Textwüste verhältnismäßig leicht in eine andere Auszeichnungssprache wie HTML oder MediaWiki umsetzen. Alles weitere – und dazu gehören dann schon die einfacheren mathematischen Formeln, aber auch Zeichnungen und sonstige Grafiken – stellt den Konverter bereits auf eine Belastungsprobe. Es ist ganz sicherlich möglich, zumindest einfacher strukturierte Texte mit LaTeX zu schreiben und in eine Vielzahl von anderen Formaten umzuwandeln – man muß aber die Beschränkungen, denen man dabei unterliegt, von Anfang an berücksichtigen, und natürlich sollte man, wie bei allen Konvertierungen, auch auf Überraschungen gefaßt sein.

Die eigentlich interessante Frage ist aber, ob dieser Zustand für professionelle Anwender weiterhin akzeptabel ist? Ganz offenbar ist dem nicht so, denn ausgerechnet der Münchener Verlag OpenSourcePress, der von Anfang an auf LaTeX gesetzt hatte und der über eine recht stattliche Backlist verfügt, hat im Mai seinen Abschied von LaTeX bekanntgegeben: „Nach 10 Jahren haben wir unser meistgenutztes Werkzeug an den digitalen Nagel gehängt, und der Schritt war zugegebenermaßen von einiger Unsicherheit und Melancholie begleitet – zumal ich selbst dieses Werkzeug bereits seit 20 Jahren in Gebrauch hatte“, schrieb Markus Wirtz im Verlags-Blog. Die Konverter in Richtung EPUB hätten versagt, neue Pakete sich nicht mit den alten Quellen vertragen. Am Ende habe man beschlossen, daß das auf Dauer kein gangbarer Weg sei. Man stieg um von LaTeX auf – ein Trommelwirbel! – AsciiDoc als Eingabeformat. Und von dort aus geht es dann via DocBook und XSLT in die diversen Ausgabeformate für Print, Bildschirm und mobil. Andere verwenden Pandoc und schreiben ihre Texte jetzt in Markdown – so auch heute das Bekenntnis eines langjährigen LaTeX-Benutzers heute nachmittag auf der Mitgliederliste von DANTE.

Sie alle befinden sich in guter Gesellschaft. Schon bei der EuroTeX 2005 hatte Sebastian Rahtz seinen Beitrag über ein „TEI/TeX-Interface“ mit der Empfehlung beendet: „Forget about teaching people \{}, …embrace semantically clean markup, forget trying to make TeX the centre of the universe, …develop TeX to keep being the best typesetting engine“.

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2 Antworten zu Von LaTeX nach EPUB III

  1. juh schreibt:

    Eine weitere Möglichkeit ist die Nutzung von Sphinx, dessen Ausgangsformat RestructuredText ist. Als Output ist PDF (via LaTeX) und ePub möglich. http://literatur.hasecke.com/news/self-publishing-tipps-single-source-rulez

  2. jfenn schreibt:

    Interessanter Tip (und interessante Website) – danke!

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