Emacs auf dem Mac

Als ich 2007 nach acht Jahren von Windows 98 SE (und dem NT-Emacs) auf den Mac umstieg, war der Carbon Emacs einer von mehreren verfügbaren Emacs-Ports, die damals in Frage kamen. Das letzte Blitzlicht auf die Szene gab Henrik Grotjahn in seinem Blogbeitrag über Die Emacssituation unter Mac OS X aus dem April 2010. Schon aus dieser Zusammenfassung war ersichtlich, daß viele diesbezügliche Projekte auf- und meist schnell wieder zugemacht worden waren, und daß das Angebot kleiner geworden ist.

Seiji Zenitani hatte bereits 2010 angekündigt, seinen Carbon-Port, mit dem ich immer noch arbeite, nicht mehr weiter zu pflegen; die Mailingliste werde nur noch bis zum Ende des Jahres 2011 zur Verfügung stehen. Weshalb ich mit dem Gegenprojekt Aquamacs nicht glücklich werde, hatte ich schon mehrmals erwähnt. Daran hat sich seitdem nichts geändert. Alles, was ich damals schrieb, gilt auch für die neueste Version von Aquamacs. Der Charme beider Anwendungen liegt darin, daß es sich bei ihnen um Emacs-Distributionen handelt, bei denen viele nützliche Zusatzpakete, unter anderem auch das zum TeXen unverzichtbare AUCTeX, schon vorinstalliert sind.

Auf der Emacs-devel-Liste wird seit dem 12. Dezember 2011 über die Entwicklung der Mac-Portierung diskutiert, und dabei fällt vor allem auf, daß es auf dem Mac weiterhin einen Rückstand gegenüber den übrigen Emacs-Varianten gibt. Wer auf dem aktuellen Stand sein möchte, muß sich derzeit seinen Emacs selbst kompilieren und sich dabei entweder für den NextStep-Port oder für die X11-Version entscheiden. Wie man das macht, hatte ich vor einem Jahr in diesen Video-Tutorial gezeigt:

AUCTeX und alle übrigen Beigaben sind hier natürlich noch zu ergänzen, sie sind weiterhin nicht Teil von GNU Emacs – warum eigentlich nicht? Ob man mit dieser selbstgedrehten Lösung glücklich wird, ist eine andere Frage, denn beide Versionen sind nicht nahtlos in das System eingebunden, beispielsweise verwenden sie nicht den systemeigenen Dialog zum Öffnen und zum Speichern von Dateien. Will man mit so einem Fremdkörper leben, kann man damit produktiv und angenehm arbeiten? Die Frage muß jeder für sich beantworten.

Die Emacs-Entwicklung ist damit zum eigentlichen Sorgenkind beim TeXen auf dem Mac geworden. Während MacTeX dank engagierter Entwickler die Installation von TeX & Friends so einfach gemacht hat wie noch nie zuvor, wird der ernsthafte Anwender, der einen leistungsfähigen Editor wie den Emacs gewöhnt ist, es schwerer haben, eine brauchbare Lösung für seine Zwecke zu finden. Denn die Fallhöhe von Emacs/AUCTeX/RefTeX zu TeXShop und BibDesk ist denn doch ziemlich ernüchternd.

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